Der Beginn der Geschichte der Ofenmacher 

Rauchabzug durchs Dach 

Man könnte meinen, das Projekt der Ofenmacher hätte mit diesem Foto begonnen, bei dem durch das Dach einer einfachen Hütte erkennbar der Rauch durch die Ritzen nach draußen quillt. Doch wie so oft ist es nicht nur dieser Impuls gewesen. Es gab noch weitere. 

Mitte des ersten Jahrzehnts der 2000er arbeitete ich im SKM Hospital in Kathmandu. Ich musste beobachten, wie sich die Geschichten der Patienten mit oft schwersten Verbrennungskontrakturen meist sehr glichen, wenn sie ins Krankenhaus kamen. „Das Kind ist im Babyalter ins offene Küchenfeuer gekrabbelt und weil kein Erwachsener zu Hause war, hat es schwere Verbrennungen erlitten“, sagen die Angehörigen und weiter: “Wir haben kein Geld, für eine qualifizierte medizinische Behandlung.“ 

Die Chirurgische Behandlung im SKM Hospital führte in den allermeisten Fällen zwar durchaus zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensqualität der Patienten, aber ich hatte schon lange nach einer Möglichkeit gesucht, diese Verbrennungen gar nicht erst entstehen zu lassen. 

Für die gehäuft auftretenden Fälle von chronischen Bronchialentzündungen bei Patienten auch im jüngeren Alter müssen ebenfalls die offenen Feuer in jeder Küche der ländlichen Haushalte verantwortlich gemacht werden. Nach dem Tod des Vaters eines unserer Angestellten, der an einem Asthmaanfall verstarb, begann ich mich intensiv für Alternativen zum offenen Feuer zu interessieren. 

Dorfversammlung

Der „Kleine Doktor“ im Health Post in Dhadagaun, berichtete damals mal über einen „modernen Lehmofen“, bei dem ein Rauchabzug gebaut wird, und stellte den Kontakt zu Bel Bahadur Tamang her, dem Ofenbauer. 

Das Angebot, einen Musterofen im Haushalt des Angestellten, dessen Vater an Asthma gelitten hatte, zu errichten, wurde direkt angenommen und so wurde ein erster Lehmofen mit zwei Kochstellen und einem Schornstein installiert. Die Hausfrau war sofort begeistert und erzählte es ihren Nachbarinnen.  

Bel Bahadur war vom (2012 bereits abgeschlossenen) Programm ESAP als Ofenbauer ausgebildet worden und zeigte stolz sein „Diplom“. Aber so sehr er sich auch bemühte, sein Können neben dem landwirtschaftlichen Betrieb als Erwerbsgrundlage auszubauen, es gelang ihm nicht. 

Das hatte zwei Gründe: Seine Nachbarn und Verwandten erwarteten, dass er seine Leistung kostenfrei anbietet, sozusagen als Freundschaftsdienst, und in der weiteren Umgebung stieß er als Ofenbauer schlicht auf zahlungsunfähige Bauern, die kein Bargeld zur Verfügung hatten. 

Genau hier konnte ich ansetzen und ihm eine gesicherte Bezahlung für seine Arbeitsleistung anbieten und motivierte ihn somit, als erster „hauptamtlicher“ Ofenbauer zu arbeiten. 

Zusammen mit der Education-Lehrerin in Dhadagaun wurde ein großes Frauentreffen organisiert, bei dem Bel Bahadur vor mehr als 50 Frauen das Ofenmodell vorstellte und sich den zahlreichen Fragen der Hausfrauen stellte. Direkt nach dem Vortrag wurde der Bau von 27 Öfen in Dhadagaun vereinbart. Kurz darauf kamen Anfragen von Mitarbeitern im Hospital, die in verschiedenen Dörfern um Sankhu herum lebten. Um den Einsatz von der nun wertvollen Arbeitskraft von Bel Bahadur effektiv zu machen, bat ich jeden Antragsteller, mindestens zehn weitere Nachbarn zu motivieren, ebenfalls einen Ofen einbauen zu lassen. Und so verbreiten sich die Idee und das Modell „Lehmofen mit Rauchabzug“ wie eine Welle um Sankhu herum.  

Die Hausbesitzer wurden dabei jeweils in die Arbeit des Ofensetzers mit eingebunden. So ist es immer die Aufgabe des Hausherrn, das Loch in die Wand für den Schonsteinausgang zu stemmen. Die Hausfrau hat den Auftrag, das notwendige Baumaterial wie Lehm, Reisschalen und Kuhdung bereitzustellen. In einer der zahlreichen Töpfereien wurden die von einem Ingenieur der ESAP entwickelten Schornsteinableitungen und -köpfe bestellt. Diese werden in Handarbeit getöpfert und gebrannt. 

Seit diesen Anfängen des Chulo-Projekts im Jahre 2005 sind inzwischen über 100.000 Öfen unseres Typs in den ländlichen Haushalten gebaut worden. Der Bedarf geht jedoch weit über diese bescheidenen Anfänge hinaus. Selbst wenn wir, worum wir uns bemühen, die Zahl der jährlich gebauten Öfen weiter kräftig steigern können, ist kein Ende in Sicht. Trotzdem: jeder gebaute Ofen hilft einer Familie zu einem sichereren und gesünderen Leben und das ist in jedem Fall jeden Euro und allen Einsatz wert. 

Christa Drigalla (etwa 2015)